Das Intraview: Working-Mom mit Zwillis

„Guten Tag, meine Name ist Ella und ich habe nach der Geburt meiner Zwillinge ganz schnell wieder angefangen zu arbeiten.“ Manchmal fühle ich mich, als wäre das ein ähnliches Bekenntnis wie das Outing bei den anonymen Alkoholikern. Die Reaktionen des Umfelds schwanken zwischen Bewunderung und Verachtung. Weil das so ist, wird das Thema sicher noch einigen Raum in diesem Blog einnehmen. Fangen wir heute mal an, uns der Materie vorsichtig zu nähern…

Warum wollte ich schnell wieder anfangen zu arbeiten?
Ich liebe meinen Beruf. Die Arbeit macht mir Spaß und gibt mir viel Bestätigung. Und ich gebe gern zu, dass ich für ein glückliches, ausgeglichenes Leben durchaus Anerkennung für meine berufliche Leistung gebrauchen kann. Deshalb war mir schon immer klar, dass ich zuhause eine bessere Mutter sein würde, wenn ich weiterhin auch außerhalb die Chance hätte, mich zu beweisen. Ich wollte meine Führungsposition nicht aufgeben und direkt nach dem Mutterschutz mit wenigen Stunden die Woche wieder einsteigen. Nach dem ersten Geburtstag der Mädels wollte ich dann die Stundenzahl erhöhen. So der Plan.

Wie hat mein Umfeld reagiert?
Mein Arbeitgeber hat einfach grandios reagiert. Alle haben sich für mich gefreut und waren bereit, meine Pläne zu unterstützen. Noch besser: Ich durfte meinen Ausstieg und die Übergangszeit so gestalten, wie ich es möchte. Dass mir dieses Vertrauen entgegen gebracht wurde, weiß ich sehr zu schätzen und werde es niemals vergessen. Mir ist bewusst, dass nicht jeder so eine gute Ausgangssituation hat.
Bei Kollegen und Freunden war die Reaktion durchaus gemischt. Wer mich gut kannte, wusste, dass ich das durchziehen würde. Alle anderen waren skeptisch. „Hast du dir das gut überlegt? Wie willst du das denn schaffen mit Zwillingen? Da hast du dir aber was vorgenommen! Warte mal ab, bis die Kinder da sind. Dann wirst du dir das bestimmt noch einmal überlegen!“ Die Reaktionen waren scheinbar vielfältig und doch alle gleich. Sie hielten mich für naiv und unwissend. Die arme Ella hat ja noch keine Ahnung, weil sie noch keine Mutter ist und nicht fühlt, was eine Mutter fühlt. Ehrlich gesagt hat mich das Gerede damals genauso genervt wie heute. Es ist mal wieder wie neulich erwähnt: Warum wissen immer alle anderen Mütter was gut für einen ist? Warum meinen andere Frauen, die Reaktion auf Geburt und Mutterschaft besser einschätzen zu können als man selbst? Ich kann das nicht als gut gemeint einstufen, weil es einfach nur sinnlos ist. Diese Kommentare bringen niemanden voran. Sie geben einem nur dauerhaft dieses beklemmende Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen und doch nicht ernst genommen zu werden. Anstrengend.

Und wie ist es im Endeffekt gekommen?
Na genau so, wie ich es geplant hatte. Hab ich doch gesagt 🙂 Weil meine Mäuse es eilig hatten und schon vor Beginn des Mutterschutzes auf die Welt kamen, hatte ich nach der Geburt etwas länger Zeit. Als meine Mädels 18 Wochen alt waren, endete mein Mutterschutz und ich stand wieder im Büro — für 10 Stunden pro Woche. Natürlich habe ich nach dem ersten Arbeitstag wie ein Schlosshund geheult, als ich meine Mäuse abends wieder in den Armen hielt. Ich bin keine Mutter, die zur Arbeit geht, um vor ihren Kindern zu fliehen. Meine Kinder bedeuten mir alles und sie fehlen mir wie Hölle, wenn ich sie einen ganzen Tag nicht sehe. Aber ich habe es nie bereut. Die Mädels hatten eine tolle Zeit mit Papa und ich habe an einem langen Tag pro Woche den Kopf frei bekommen — in dem ich ihn mit ganz anderen Dingen gefüllt habe. Und nach diesem Tag habe ich mich wieder riesig auf die nächsten sechs mit meiner Familie gefreut. Ein guter Kompromiss, wie ich finde. Der perfekte für mich! Und seit dem ersten Geburtstag der Mäuse arbeite ich an vier Tagen insgesamt 30 Stunden pro Woche. Auch das lässt sich super organisieren. (Wie genau, dazu ein anderes Mal mehr.)

Was würde ich anderen Muddis raten?
GAR NICHTS! Jeder muss für sich den richtigen Weg finden. Meine Mutter war immer zuhause und ich fand es ganz, ganz toll. Niemals würde ich jemanden dafür verurteilen, dass er nicht arbeiten geht und sich komplett um seine Kinder kümmert. Aber genauso wünsche ich allen arbeitenden Muddis, dass wir ihnen mehr zutrauen. Zutrauen, dass sie sich Gedanken machen und nicht nur aus Eigennutz handeln. Und zutrauen, dass sie sehr wohl einschätzen können, was zu schaffen ist und was nicht. Schacka! 🙂

Eure Ella

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5 Gedanken zu „Das Intraview: Working-Mom mit Zwillis

  1. ich hatte auch Pläne, und wir brauchten das extra Einkommen. Und meine Tochter wurde vom Papa betreut – ideal! Trotzdem litt ich unsäglich, und so entschlossen wir uns, sobald es unsere Finanzen erlaubten, wieder aufzuhören. Ich gehöre also tatsächlich zu denen, die sich nie hätte vorstellen können die Meinung von einer Stunde auf die andere zu ändern. Man weiss tatsächlich nicht, wie das Muttersein sich anfühlt.

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    • Das stimmt. Und ich kann dich auch gut verstehen! Mir geht es darum, dass so oft alle über einen Kamm geschoren werden. Und ich möchte nicht, dass Mamas sich schlecht fühlen müssen, die gern arbeiten gehen. Sie haben ihre Kinder nicht weniger lieb als Mamas, die zuhause bleiben. Wie gesagt: Jeder muss für sich den richtigen Weg finden 🙂

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      • Das ist wirklich schade. Ich fürchte, man muss sich immer rechtfertigen: Geht man nicht arbeiten, ist man faul. Geht man arbeiten, ist man eine Rabenmutter. Warum wollen einem andere immer ein schlechtes Gewissen machen? Ist mühsam, das zu ergründen. Wahrscheinlich sollten wir einfach auf unser Bauchgefühl hören und komische Kommentare ignorieren. Danke für deine offenen Worte!

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  2. Pingback: Das Intraview: #Vereinbarkeit | zwillingerig

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