Das Intraview: Plötzlich Frühchenmama

Dass Zwillinge (besonders eineiige) häufig zu früh kommen, ist kein Geheimnis. Eigentlich hat man als Mutter also die ganze Schwangerschaft über Zeit, sich gedanklich auf diese Möglichkeit einzustellen. Und wenn es dann tatsächlich passiert, fällt man doch aus allen Wolken. Heute möchte ich Euch berichten, wie es bei mir war und wie meine Gefühle in dieser Zeit verrückt spielten. Könnte also lang werden… 😉

Wann wusste ich, dass unsere Mäuse zu früh kommen würden?
Das war ziemlich genau fünf Stunden bevor sie tatsächlich auf die Welt kamen — in Schwangerschaftswoche 32+4. Es traf mich völlig unvorbereitet. Die Schwangerschaft verlief komplikationslos. Ich hatte zwar seit neuestem recht viel Wasser im Körper und fragte mich, wie ich mich die nächsten Wochen fortbewegen sollte. Aber sonst ging es mir wunderbar. Am Abend vor der Geburt waren wir mit der Großfamilie essen. In der Nacht bekam ich plötzlich Bauchweh und schob es auf das fettige Essen. Aber die Bauchschmerzen gingen nicht weg und ich schleppte mich durch den Vormittag. Irgendwann fragt mich meine Mutter, ob das nicht Wehen sein könnten. Ich motzte sie an, schließlich hatte ich noch nie Wehen und wusste nicht wie sich das anfühlt. Aber erst da kam ich auf die Idee und achtete genauer auf meine Schmerzen. Tatsächlich: Es mussten Wehen sein, die schon alle fünf Minuten kamen. Also ab ins Krankenhaus. Die Ärzte stellten eine Schwangerschaftsvergiftung und ausgetretenes Fruchtwasser fest. Die Fruchtblase der kleinen Schwester war kaputt und ich hatte es nicht gemerkt, weil die große Schwester davor lag. Sofort bekam ich Wehenhemmer und mir wurde ganz deutlich gesagt: Ich werde das Krankenhaus nicht wieder verlassen, bis die Kinder kommen. Ziel sei es, 48 Stunden durchzuhalten, damit die Lungenreife wirken kann. Damit war die Katze aus dem Sack.

Wie ging es weiter?
Fünf Stunden lag ich im Kreißsaal und wartete, dass die Wehen endlich weniger würden. In dieser Zeit kamen Kinderarzt und Anästhesistin um mich aufzuklären — nur für den Notfall. Es sei wahrscheinlich, dass die Kinder beatmet werden müssten. Ich sollte mich nicht erschrecken, wenn sie verkabelt wären… Mir wurde immer mulmiger und ich malte mir aus, was alles passieren könnte. Es war doch noch viel zu früh. Meine Babies gehörten doch noch in meinen Bauch. Doch das Bitten und Zittern war vergeblich. Die Wehen wurden immer stärker und waren nicht mehr aufzuhalten. Und so stand fest, dass die Mädchen geholt werden mussten. Ich fragte, wann, und rechnete mit einem Termin am nächsten Morgen (wie naiv ich doch war… ). Die Antwort der Ärztin: in 15 Minuten! Ich stand unter Schock und war gleichzeitig total schwach von den Wehen. Weil meine Blutwerte sehr schlecht waren, rieten mir die Ärzte entschieden zur Vollnarkose. Nach den nervenaufreibenden Stunden nahm ich das direkt an. Ich fühlte mich nicht mehr stark genug, die Geburt in wachem Zustand zu überstehen.

Wie habe ich die Stunden nach der Geburt erlebt?
Als ich aus der Narkose aufwachte, hatte mein Mann schon Fotos von den Mädchen auf seinem Handy. Beiden Babies ging es gut. Sie lagen in Inkubatoren auf der Intensivstation mit 1720g und 1850g bei 44cm. Die große Schwester brauchte ein bisschen Atemunterstützung, die kleine kam ganz alleine klar. Mir fiel ein riesiger Brocken vom Herzen. Und trotzdem war alles so unwirklich. Ich sah die Kinder auf den Bildern und konnte nicht verstehen, dass es meine sind. Nach der Geburt waren meine Werte weiterhin sehr schlecht, weil ich viel Blut verloren hatte. Ich musste also liegen und warten. Erst fünf Stunden nach der Geburt, mitten in der Nacht, fragte mich eine Hebamme, ob ich meine Kinder schon gesehen habe. Hatte ich nicht. Sie schob mich im Bett auf die Intensivstation, die Inkubatoren wurden links und rechts von meinem Kopf einmal runter gefahren, ich durfte die Mäuse angucken und dann war ich auch schon wieder draußen. Den Rest der Nacht durchlebte ich wie im Rausch. Ich war so euphorisch, dass ich nicht einmal mehr Schmerzmittel brauchte. Ich schrieb mitten in der Nacht Nachrichten an Freunde und Bekannte, dass unsere Mäuse geboren sind. Aus heutiger Perspektive kommt mir das total irre vor. Aber damals erschien es mir total wichtig und ich war einfach nur glücklich.

Blieb es dabei?
Nicht wirklich. In den nächsten Tagen kam ich ziemlich schnell in der Realität an. Schmerzen ignorierte ich weiter, ich wollte einfach nur zu meinen Kindern. Plötzlich wurde mir klar, dass ich sie nicht einmal berührt hatte. Dass meine Kinder aus meinem Bauch gerissen wurden und da nun ganz allein lagen, ohne Mama und Papa. Diese Vorstellung war schrecklich und machte mich unendlich traurig. Gleich am nächsten Morgen ließ ich mich im Rollstuhl auf die Intensivstation schieben und streichelte meine kleinen Schätze. Es war unglaublich schön und frustrierend zugleich. Normalerweise soll eine Mutter ihre Kinder doch von Anfang an ganz nah am Körper haben. Meine lagen in diesen Kästen und ich konnte sie nicht einmal auf den Arm nehmen. Das fühlte sich so falsch an. Zum Glück durfte die kleine Schwester den Inkubator noch an diesem ersten Tag kurz verlassen und wurde mir auf die Brust gelegt. Dieses Gefühl werde ich niemals in meinem ganzen Leben vergessen! Es war das pure Glück. Und gleichzeitig war da diese tiefe Traurigkeit. Denn meine andere Tochter durfte noch nicht raus. Sie durfte unsere Nähe noch nicht spüren. Zwei so unterschiedliche Gefühle habe ich noch niemals zuvor gleichzeitig gespürt. Es war verwirrend und anstrengend gleichzeitig.

Was war in diesen ersten Tagen das Schlimmste?
Dass ich nicht zu meinen Kindern konnte, wann immer ich es wollte. Die Schwestern haben alles möglich gemacht, damit man soviel Zeit mit seinen Kindern verbringen konnte, wie möglich. Aber am zweiten Tag nach unserer Geburt kam ein Extremfrühchen auf die Welt. Weil dieses Kind versorgt werden musste, durften keine anderen Eltern auf die Station. Ich konnte meine Mädels an dem Tag erst abends besuchen. Natürlich hatte mein Kopf Verständnis für die Situation. Mein Herz und mein Bauch aber nicht. Die Hormone, die neu gefundene Liebe und gleichzeitig dieser Entzug von den Babies — das war so verwirrend und neu. Es hat mich einfach umgehauen. Und genau das war der Zeitpunkt, an dem die Tränen kamen. Und sie blieben. Eine Freundin hat mal zu mir gesagt: Am 4. Tag heulen sie alle. Ich heulte nicht nur am 4. Tag. Ich heulte erst 4 Tage und dann über vier Wochen lang…

Wie ihr jetzt schon seht, war die Zeit im Krankenhaus für mich sehr intensiv. Es gibt viel zu schreiben und ich kann nur hoffen, dass ihr es lesen mögt. Weil ich euch nicht ermüden möchte, habe ich entschieden, das Intraview zu teilen. Übermorgen gibt es den zweiten Teil: Wie die fünf Wochen im Krankenhaus meine Gefühlswelt auf den Kopf stellten, obwohl meine Mäuse ohne Komplikationen und Rückschläge so durchmarschierten — und welche Rolle die Familie und andere Frühcheneltern dabei spielten.

Eure Ella

Advertisements

2 Gedanken zu „Das Intraview: Plötzlich Frühchenmama

  1. Pingback: Die Glückshaube | zwillingerig

  2. Pingback: Das Intraview: der kaiserliche Schnitt | zwillingerig

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s