Das Intraview: Plötzlich Frühchenmama II

Vorgestern habe ich hier blank gezogen, was meine Gefühle zur Frühgeburt und die ersten Tage danach anging. Nun der zweite Teil der Geschichte.

 

Wie ging es im Krankenhaus weiter?
Insgesamt mussten wir fünf Wochen im Krankenhaus bleiben. In der ersten Woche verloren die Mädels einiges an Gewicht —  mehr als es bei Frühchen üblich ist. Niemand wusste warum. Doch dann nahmen die Schwestern beide aus ihren Inkubatoren und legten sie zusammen in ein Wärmebettchen. Von diesem Tag an begannen sie zuzunehmen. Ich weiß: Das klingt klischeehaft und kitschig. Aber genauso war es. Dies war der erste zwillingerige Moment, den ich mit meinen kleinen Mädchen erlebt habe. Und spätestens da wusste ich, dass uns etwas ganz Besonderes bevor steht. Von da an verlief unsere Zeit im Krankenhaus eigentlich komplikationslos. Die Mäuse lernten zu trinken, kuschelten in ihrem Wärmebett und nahmen zu.

 

Wo war ich während dieser fünf Wochen?
Ich blieb die gesamte Zeit bei meinen Kindern im Krankenhaus. Die erste Woche war ich selbst noch stationär aufgenommen. Danach durfte ich als Begleitperson drei Wochen in einem Zimmer neben der Intensivstation wohnen. Als die Mädels dann auf die normale Frühchenstation verlegt wurden, zog ich für rund eine Woche ins Ronald McDonaldHaus. Ich habe also fünf Wochen lang nicht eine einzige Nacht zuhause verbracht und lebte in einer ganz eigenen Welt.

 

Und wie sah diese eigene Welt aus?
Vorab: Ich wollte unbedingt bei meinen Mäusen bleiben und habe es nie bereut. Aber ich mache auch keinen Hehl daraus, dass diese fünf Wochen trotz allen Glücks die schwerste Zeit meines Lebens waren. Das Leben im Krankenhaus hatte seinen ganz eigenen Rhythmus: Kinder wickeln, füttern und kuscheln, anschließend Milch abpumpen, essen und darauf warten, dass man endlich wieder zu den Kindern kann. Ich hatte jeden Tag Besuch. Und trotzdem fühlte ich mich häufig allein. Allein mit dieser Situation, die keiner nachempfinden konnte. Ich war selbst körperlich nicht eingeschränkt und lebte trotzdem in einem sterilen Krankenhauszimmer, das ich nicht abschließen konnte. Privatsphäre und Schamgefühlt musste ich beim Einzug abgeben, weil zu jedem Zeitpunkt Leute in mein Zimmer kommen konnten — ob beim Schlafen, Essen oder wenn ich gerade an der Milchpumpe hing. Alle gingen irgendwann nach Hause; mein Besuch, die Ärzte, die Schwestern. Nur ich blieb einfach immer da. In der dunkelsten Zeit des Jahres. Ich weiß nicht, ob das jemand nachvollziehen kann. Aber dieses Gefühl eingesperrt zu sein in Kombination mit den Hormonen und der ständigen Sehnsucht nach meinen Kindern und meinem Zuhause. Das hat mich einfach an meine Grenzen gebracht. Ich habe ständig geweint. Sobald man mich nur schief anguckte, brachen die Dämme und ich konnte nichts dagegen tun. Die Tränen hörten erst auf, als wir endlich zusammen nach Hause durften.

 

Hätte ich nicht einfach nach Hause gehen können?
Natürlich durfte ich Kommen und Gehen wann ich wollte. Und ich habe wirklich einmal probiert nach Hause zu gehen — nach den ersten eineinhalb Wochen. Bei den Schwestern meldete ich mich für die nächste „Fütterung“ ab und fuhr nach Hause. Geplant war, für ein paar Stunden auszuspannen, auf der Couch zu liegen und das Zuhause-Gefühl zu genießen. Aber es ging  nicht. Zuhause habe ich genauso viel geweint wie im Krankenhaus. Zuhause viel mir noch deutlicher auf, dass meine Mädels nicht bei mir waren. Ich hatte den irren Gedanken, meine Kinder im Stich zu lassen. Nichts konnte ich genießen, mich quälte das schlechte Gewissen. Rational weiß ich, dass niemand ein schlechtes Gewissen haben muss und viele Frühchenmütter gar nicht die Möglichkeit haben, immer im Krankenhaus zu bleiben. Aber wieder einmal hat mein Bauch das nicht umgesetzt. Ich fühlte mich elend und ließ mich früher als geplant wieder ins Krankenhaus fahren. Bis zur Entlassung bin ich nicht ein einziges Mal wieder nach Hause gefahren!

 

Was hat mir durch diese Zeit geholfen?
Zu sehen, wie meine Mädels jeden Tag stärker wurden, war natürlich mein größtes Glück. Aber meine Familie — allen voran mein Mann und meine Mutter — haben mich immer wieder aufgebaut. Sie haben sich mein Gejammer angehört und mir geholfen, nicht durchzudrehen. Und auch meine Lieblingsschwestern haben dazu beigetragen, dass es im Krankenhaus manchmal sogar richtig nett war. Besonders die Nachtschichten auf der Intensivstation mochte ich gern. Als einzige Mutter in Ruhe (sogar das Piepen der Geräte war nachts weniger) mit beiden Mädels auf der Brust im Stuhl sitzen, während die zwei diensthabenden Schwestern viel gelassener sind als am Tag und ihre Scherze machen — das war immer ein echter Lichtblick.

Welche Rolle spielten andere Frühcheneltern in dieser Zeit?
Bevor meine Mäuse geboren wurden, waren mir Freundschaften suspekt, die auf der Geburtsstation entstanden sind. Ich dachte: Mir kann doch keiner erzählen, dass man nach ein paar Tagen mit einer anderen Mutter so dicke ist, dass die Freundschaft für immer hält. Mir kam das immer etwas aufgesetzt vor. Entsprechend bin ich mit der Einstellung ins Krankenhaus gegangen: Ich habe genug Freunde, ich will hier keine neuen finden. Klingt vielleicht arrogant, war aber so. Damals hatte ich ja keine Ahnung, wie viel Zeit ich dort verbringen würde. Und ich hatte keine Ahnung, wie sehr das gemeinsame Frühchen-Erlebnis zusammenschweißen kann. Meine Zimmernachbarin direkt nach der Geburt wurde zu einer sehr engen Freundin von mir. Als ich nach dem Kaiserschnitt aufs Zimmer kam, war sie noch schwanger. Ihr kleiner Junge war im Bauch krank und musste behandelt werden. Zwei Wochen fieberte sie mit mir und meinen Mäusen mit. Dann wurde ihr Sohn auch viel zu früh geboren. Ich habe mit ihr im Kreißsaal auf ihren Freund gewartet. Und unsere Kinder lagen anschließend im gleichen Raum auf der Intensiv. Wir haben unsere Sorgen geteilt, unsere Hoffnung. Wir wissen beide, wie es sich anfühlt, wenn der Geruch, den man mit seinem Kind verbindet, der Geruch von Desinfektionsmittel ist. Wir wissen beide, wir man bei jedem Piepen der Geräte zusammenzuckt, obwohl es eigentliche die ganze Zeit irgendwo piept. Und wir wissen beide, wie sich diese Abgeschiedenheit im Krankenhaus anfühlt. Fünf Wochen haben wir zusammen dort verbracht und sie musste noch viele Wochen länger bleiben. Das ist ein gemeinsames Erlebnis, das ich nicht missen möchte. Ein Erlebnis, das einen wunderbaren Menschen in mein Leben gebracht hat.

 

Dass es auch unter Frühcheneltern Muddi-Fights gibt, brauche ich wohl nicht zu sagen. Je früher das Kind geboren ist, desto mehr weiß man angeblich Bescheid. Desto eher darf man sich Frühchenmutter nennen. Und wenn man kein Extremfrühchen bekommen hat, kann man eigentlich gar nicht mitreden. (Vorsicht Ironie!!!) Aber das kommt eigentlich erst nach der Entlassung. Im Krankenhaus haben alle Mütter andere Probleme und sind froh, wenn sie Gleichgesinnte finden. Sie sind sehr verständnisvoll und versuchen einander zu helfen. So habe ich es zumindest erlebt. Vielleicht sind waren das auch die Hormone. 😉

 

Eure Ella

 

PS: Ich habe hier viele Themen rund um Frühgeburt und Intensivstation angesprochen, über die ich noch ewig weiter schreiben könnte. Wenn es Euch interessiert, gehe ich gern ein anderes Mal noch genauer auf einzelne Aspekte ein. Schreibt mir gern, was Euch unter den Nägeln brennt — ob als Kommentar oder privat.
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2 Gedanken zu „Das Intraview: Plötzlich Frühchenmama II

  1. Meine Tochter ist zwar kein Frühchen, aber auch sie kam keine 24 Stunden nach ihrer Geburt auf die Intensivstation. Insgesamt waren wir etwas über 2 Wochen im Krankenhaus, davon 2 auf Intensiv. Mir riss es den Boden unter den Füßen weg und ich heulte dort quasi ununterbrochen. Meine „Große“ war gerade 18 Monate alt und mit Papa Zuhause. Ich verließ das Krankenhaus kein einziges Mal. Schwestern und Ärzte wollten mich regelmäßig dazu überreden, aber ich hätte sie dort einfach nicht alleine lassen können. Niemand konnte das verstehen. Sie schickten mich sogar zur Krankenhauspsychologin. Ich fühlte mich total unverstanden. Als wär ich der einzige Mensch der dort jemals so lange bei seinem Kind geblieben wäre. Mein Mann kam mit unserer Tochter nur alle 3 Tage ins Krankenhaus. Es wäre für meine Tochter sonst zu viel Stress gewesen. Mich so und nur kurz zu sehen, die Schwester im Inkubator und noch 2 Stunden im Auto. Also war ich auch viel alleine. Es war eine harte Zeit als Begleitperson in diesem Mehrbettzimmer…
    Und auch Heute 3 Jahre später breche ich bei den Gedanken an diese Zeit immer noch in Tränen aus. Ich fühlte mich so beraubt um diese erste kostbare Zeit, die man mit seinem Baby eingekuschelt im Bett verbringt.
    Ich schweife ab. Ich wollte dir nur sagen, dass ich mich freue dass ich nicht die einzige „Verrückte“ bin, die die ganze Zeit bei ihrem Kind geblieben ist! Und ich glaube das ist das Beste was wir für unsere Kinder tun können, wenn wir sie schon nicht ununterbrochen im Arm halten dürfen wenigstens in ihrer Nähe zu sein!
    Danke!

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