Das Bedürfnis nach dem Alleinsein

Ich bin Einzelkind. Man sollte also meinen, mit Alleinsein kenne ich mich aus. Doch weit gefehlt. Ich habe es gehasst allein zu sein und  mich nur in Gesellschaft anderer Menschen richtig wohl gefühlt. Ich hatte viele Freunde und wenn keine Freunde zu Besuch waren, habe ich eigentlich immer bei meinen Eltern im Wohnzimmer gespielt. Noch im Teenie-Alter war ich nur ungern nie allein zuhause. Wenn meine Eltern nicht da waren, habe ich Freunde eingeladen und zugesehen, dass die Bude belebt bleibt. Erst als Erwachsene habe ich die Zeit mit mir ganz allein so richtig zu schätzen gelernt.Und dann bekomme ich Zwillinge. Schon während der Schwangerschaft wurde mir klar, dass meine Kinder sich niemals darum Sorgen machen müssten, allein zu sein.


Von Anfang an war das ein tröstlicher Gedanke für mich: Meine Mädels waren gemeinsam auf der Frühchen-Intensivstation, ich musste sie nicht allein zurück lassen. Später konnten sie zusammen in ihrem Bett in ihrem Zimmer einschlafen, ohne sich allein zu fühlen. Und auch wenn sie in die Kita kommen, wird es mich beruhigen, dass sie sich gegenseitig und damit immer ein Stück Zuhause dabei haben.

 Doch man darf nicht vergessen: Zwillinge verbringen zumindest in so jungem Alter 24 Stunden am Tag miteinander — vom Aufwachen bis zum Einschlafen und darüber hinaus. Sie verbringen mehr Zeit miteinander als mit uns als Eltern. Sie sind wirklich niemals allein. Und eine meiner kleinen Mäuse (die große Schwester) hat mir neulich deutlich gezeigt, dass auch das irgendwann zu viel sein kann:

Wir hatten eine Familienfeier bei uns im Haus — 14 Erwachsene, drei Kinder. Es wurde viel geredet, gelacht und gespielt. Irgendwann fiel mir auf, dass die große Schwester nicht mehr dabei war. Ich suchte sie und fand sie auf dem Flur. Sie fuhr auf ihrem Pucky Wutsch auf und ab und murmelte vor sich hin. Als sie mich sah, lächelte sie mich kurz ganz lieb an und machte hoch konzentriert weiter. Ich wusste sofort, dass ich wieder gehen sollte. Und meine Maus blieb tatsächlich fast eine Stunde allein auf dem Flur. Irgendwann kam sie wieder, war bestens gelaunt und stieg wieder mit ins Spiel ein.<

Ich war so fasziniert von meinem kleinen Mädchen, dass mir fast die Tränen in die Augen stiegen. Mit ihren 17 Monaten hat sie genau gemerkt, dass es ihr zu viel wurde. Und was ich noch bewundernswerter finde: Sie hat nicht gejammert, sondern genau das gemacht, was ihr in dem Moment gut tat. Da diskutiert und grübelt man immer über die Individualität von Zwillingen, wie man sie fördert und beiden Kindern ihren eigenen Willen lässt. Und meine Maus hat mir mal eben nebenbei auf einer Familienfeier gezeigt, dass sie sehr wohl weiß, was sie will. Und dass sie mich oder irgendwelche klugen Zwillings-Erziehungs-Tipps dafür gar nicht braucht. Was das Bedürfnis nach Alleinsein angeht, ist mein kleiner Zwilling mit 17 Monaten schon weiter als ich mit 17 Jahren. Ich wusste immer, dass ich von meinen Kindern viel lernen würde. Diese Lektion habe ich verstanden. 😉

Eure Ella

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