Das Intraview: Die Sache mit der Sorge

Ich höre immer von Müttern, dass sie bis zur Geburt ihrer Kinder nicht wussten, wie groß und bedingungslos Liebe sein kann. Das stimmt. Was aber nicht so oft angesprochen wird: Bis zur Geburt meiner Kinder wusste ich auch nicht, wie groß und beängstigend Sorgen sein können. Darum soll es heute in meinem Selbstgespräch gehen.

Wann habe ich erkannt, dass Liebe und Sorge zusammengehören?
Das kann ich ganz genau beantworten. Die Sorge kam bei mir nicht schleichend. Es gab einen richtigen Schlüsselmoment, den ich niemals vergessen werde. Als die Mädchen geboren wurden, war ich erstmal einfach nur glücklich und erleichtert. Ich war erleichtert, dass sie die Geburt gut überstanden hatten. Ich war erleichtert, dass sie allein atmeten und gesund waren. Mir kam es vor, als könne ich nach allen Unsicherheiten, die eine Schwangerschaft mit sich bringt, endlich durchatmen: Das haben wir geschafft! Doch dann, wenige Tage später, saß ich auf der Intensivstation mit meinen beiden Schätzen auf der Brust. Ich war glücklich und dachte darüber nach, dass in meinem Leben kein einziger Tag mehr vergehen wird, an dem ich nicht Mutter bin. Ich malte mir die Zukunft aus, was wir alles erleben könnten, was uns alles passieren könnte. Und da traf sie mich ohne Vorwarnung und aus heiterem Himmel; die Erkenntnis: Wir haben erst einen winzig kleinen Schritt geschafft. Im Laufe der Jahre kann noch so vieles passieren. Da wurde mir schlagartig klar: Es wird in meinem Leben auch kein einziger Tag mehr vergehen, an dem ich mir keine Sorgen mache! Die größte Liebe macht einen verwundbar und ist untrennbar mit der ständigen Angst verbunden, sie zu verlieren.

Worüber mache ich mir Sorgen?
Ich hoffe, ihr versteht das nicht falsch. Ich bin keine neurotische Mutter, die ständig den schwarzen Peter an die Wand malt und hinter jeder Ecke Gefahren lauern sieht. Es geht mehr um diese unterschwellige Sorge, die immer mal wieder kurz aufblitzt. Die Sorge, dass meine Kinder krank werden könnten, sie einen Unfall haben oder jemand ihnen etwas antut. Wie wahrscheinlich das ist, spielt dabei keine Rolle. Es geht hier nicht um rationale Argumente. Ich weiß einfach, dass ich den Verstand verlieren würde, wenn etwas davon eintritt. Weil meine Kinder jetzt mein wundester Punkt sind. Weil ich mich so sehr auf sie eingelassen habe, dass es kein Zurück mehr gibt.

Erst neulich bin ich im Einkaufszentrum fast ausgerastet. Die große Schwester lief voraus und ich konnte nicht gleich hinterherlaufen, weil ich die kleine Schwester an der Hand hatte. Ich rief hinter ihr her und sie blieb stehen. Da kam ein (für mich dubios wirkender) Mann vorbei, blieb neben meiner Tochter stehen und sagte: „Geh lieber schnell zu Mama, sonst nimmt dich jemand mit.“ Ich weiß, das war sicher nur ein doofer und vollkommen unpassender Spruch. Aber mir lief sofort die Gänsehaut den Rücken runter und es schüttelte mich vor Angst. Wie kann jemand so etwas sagen, wenn man doch weiß, dass das eine der größten Sorgen einer  Mutter ist. Einfach nur widerlich.

Welche Auswirkungen haben die Sorgen auf die Erziehung?
Das ist eine gute Frage. Eine Frage, die ich für mich noch nicht ganz beantwortet habe. Klar ist, dass man seine Kinder nicht vor allem beschützen kann. Und man sollte seine eigenen Sorgen auch nicht zu ihren machen. Aber wie kann man sie bestmöglich beschützen, ohne ständig über ihnen zu schweben und sie einzuschränken wie die berühmt berüchtigten Helikoptereltern? Wie bringe ich meinen Kindern eine gewisse Vorsicht bei, ohne sie zu ängstlichen Menschen zu machen? Zum konkreten Beispiel: Meine Mädels sind sehr freundliche Kinder. Sie lachen viel, winken allen zu und schließen relativ schnell Vertrauen. Einerseits finde ich das ganz toll! Ich möchte Ihnen diese Weltoffenheit bewahren und sie darin bestärken. Andererseits muss ich ihnen beibringen, dass nicht jeder Mensch ein Freund und eine gesunde Skepsis wichtig ist. Das ist ein schmaler Grat. Ein schmaler Grat, den alle Eltern beschreiten müssen. Ich setzte wie immer darauf, mit meinen Kindern zu sprechen. Schon heute erkläre ich ihnen viel, so gut sie es eben verstehen können. Ich möchte ihnen ein Gefühl dafür geben, was gefährlich ist und was nicht. Denn ich kann nicht in jeder Sekunde über sie wachen. Und ein gesundes Bauchgefühl zu entwickeln und diesem zu vertrauen, ist glaube ich das beste, was ich ihnen mit auf den Weg geben kann, um sich selbst zu beschützen — und um meine Sorge ein bisschen zu beruhigen.

Eure Ella

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