Zwillingerig extreme: das Interview II

Ihr dachtet, so eine besondere Geschichte wie die von Jutta finde ich nicht noch einmal? Doch es gibt sie: die Zwillingsgeschichten, die uns überraschen und gleichzeitig bewegen.

Heute möchte ich Euch eine Zwillingsmama vorstellen, die so unglaublich sympathisch ist, dass man am liebsten neben sie auf die Couch hüpfen möchte, wenn man ihre Fotos sieht. Es geht um Bille. Ihre Mädels sind eineiige Zwillinge und mittlerweile 3,5 Jahre alt. Was Bille von anderen Zwillingsmüttern unterscheidet? Sie ist selbst eineiiger Zwilling! Und damit hat sie etwas, was wir uns alle manchmal wünschen: Sie kann genau nachempfinden, wie sich ihre Töchter als Zwillinge fühlen.

Ich gebe schamlos zu, dass mir dieses Interview total unter die Haut ging. Bei einigen Antworten hatte ich Tränen in den Augen. Und mein Herz wird ganz warm, wenn ich daran denke, dass meine Töchter einmal etwas Ähnliches über ihre Zwillingsschwester sagen könnten. Das ist wahre Liebe! Doch lest selbst…

Eineiiger Zwilling zu sein: Ist das Fluch oder Segen?
Bille: Eineiiger Zwilling zu sein bedeutet mir so viel. Ich kenne es ja nicht anders und finde es einfach nur wunderbar und unglaublich besonders. Es ist ein großes Privileg. Mittlerweile empfinde ich es als Segen. Es gab jedoch Zeiten, vor allem in der Schule und in der Pubertät, da war es eher ein Fluch.

In welcher Hinsicht?
Bille: In der Schule wurden wir häufig verglichen, von Lehrern (Pädagogen, ja!!) und Mitschülern. Vor allem, wenn Jungs uns miteinander verglichen haben, war das blöd. Wir wollten möglichst unterschiedlich sein. Ab der fünften Klasse haben wir  penibel darauf geachtet, nicht mehr gleich gekleidet zu sein. Ich fand es immer schön, Zwilling zu sein. Manchmal hätte ich mir aber gewünscht, weniger aufzufallen. Denn als Zwilling fällt man zwangsläufig auf. Heute ist mir das egal. Inzwischen kaufen wir uns ab und zu sogar wieder die gleichen Klamotten — einfach, weil unser Geschmack sehr ähnlich ist.

Hattest du jemals das Gefühl, nicht als Individuum wahrgenommen zu werden?
Bille: Eigentlich nicht, auch wenn es manchmal hieß: „die Zwillinge“. Trotzdem war ich immer ich.

Magst du uns die Beziehung zu deiner Schwester beschreiben?
Bille: Die Bindung zwischen uns war immer und ist sehr eng. Meine Schwester ist für mich mein Herz, meine Seele, mein Leben und auch wenn es sich tatsächlich etwas kitschig anhört, mein zweites Ich. Ohne sie könnte ich nicht sein, ohne sie wäre ich nicht ich. Sie ist meine Heimat. Und meine beste Freundin. Wir denken oft zur gleichen Zeit dasselbe, auch wenn wir nicht zusammen sind. Bei meiner Schwester ist es noch eine Spur intensiver. Sie träumt Dinge, die ich mache, von denen ich ihr noch nicht einmal erzählt habe.

In welchen Situationen ist es besonders praktisch, eine Zwillingsschwester zu haben?
Bille: Man kann zum Beispiel beim Kauf einer Sonnenbrille die andere anprobieren lassen und sieht, ob sie einem selbst steht. 😉

Hast du jemals damit gerechnet, selbst Zwillinge zu bekommen?
Bille: Nein. Als der Babywunsch aufkam, witzelten mein Freund und ich manchmal, wie toll es wäre, auch Zwillinge zu bekommen. Aber damit gerechnet haben wir nicht. Lustigerweise habe ich zu dieser Zeit eine Art Reiki-Sitzung gemacht und während dieser Sitzung hatte ich das Gefühl, ich hätte ein Baby im Bauch. Ich habe es auch gespürt. Und plötzlich spürte und sah ich zwei Babies. Das hatte ich aber völlig vergessen, als ich dann tatsächlich schwanger war.

Wie hast du reagiert, als du davon erfahren hast?
Bille: Ich weiß noch genau, dass es die 9. SSW war. Ich war beim Frauenarzt im Wartezimmer, sah mir die ganzen Babyfotos an und mein Blick blieb auf einem Foto von offensichtlich eineiigen Mädchen hängen. Da wurde ich schon aufgerufen. Der Arzt untersuchte mich, fing an zu messen, sagte, er müsse noch mal messen. Ich fragte ihn, was er denn da alles misst … so als Ahnungslose in der ersten Schwangerschaft. Er meinte, ich soll mal nachdenken. Da dachte ich, dass mein sonst so netter Arzt heute aber irgendwie unfreundlich ist. Er forderte mich erneut auf, zu schauen und zu überlegen und da begriff ich. „Ist da noch eins?“ habe ich gefragt und er lächelte. Da sagte ich nur „Was? Sch…!“ (das sag ich wirklich sonst NIE), musste aber lachen. Mein Freund hat sich auch gefreut. Wir konnten es nicht glauben. Meine Schwester war völlig aus dem Häuschen! Sie freute sich wie wahnsinnig. Meine Eltern konnten es — wie fast alle unsere Freunde und Bekannten — kaum glauben, freuten sich aber sehr mit uns. Wir haben ununterbrochen darüber geredet.

Beobachtest du bei deinen Mädels Ähnlichkeiten zu dir und deiner Schwester?
Bille: Meine Mädels haben viel Ähnlichkeit zu uns, auch äußerlich. Vom Wesen sind sie genau wie wir als Kinder. Eher zurückhaltend, schüchtern und abwartend. Sie brauchen immer etwas länger, bis sie auftauen. Allerdings war mein Freund wohl auch so. Es ist sehr spannend. Zeitweise ist es, als beobachte ich mich und meine Schwester selbst. Ich frage oft meine Mutter, ob wir auch so waren. Und freue mich dann, dass meine Mädels ähnlich sind.

Was machst du in der Erziehung bewusst anders als deine Eltern?
Bille: Eigentlich gar nichts. Meine Eltern haben uns sehr individuell erzogen, das versuche ich genau so. Wir wurden meist unterschiedlich gekleidet, zumindest in anderen Farben. Meine Mädchen dürfen sich aussuchen, ob sie das Gleiche möchten oder nicht. Es ist mal so, mal so.

Ich frage mich manchmal, wie ich meinen Mäusen später glaubhaft Rat geben kann bei Zwillingsproblemen. Schließlich wissen sie ganz genau, dass ich das nicht selbst erlebt habe und nicht nachempfinden kann. Was bedeutet es dir, diesen Vorteil zu haben?
Bille: Es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, was sie beschäftigen wird und dass ich ihnen dann sagen kann, dass es ihrer Tante und mir ganz genauso erging. Ich kann ihnen auch versichern, dass es besser wird. Ich denke, zu gegebener Zeit, werde ich ihnen von unseren Erfahrungen erzählen. Ich möchte sie aber auch eigene Erfahrungen machen lassen und sie nicht zu sehr beeinflussen. Noch sind sie zu klein und es interessiert sie nicht so besonders.

Zwillinge in Kindergarten oder Schule trennen? Was ist aus deiner Erfahrung der richtige Weg?
Bille: Meine Schwester und ich waren überall zusammen, im Kindergarten und in der Schule. Wir hatten trotzdem unsere eigenen besten Freundinnen und mussten nicht alles zusammen machen. Im Gegenteil: Es war uns eher peinlich, wenn wir alles nur gemeinsam taten. Heutzutage trennt man Zwillinge gerne. Ich habe mich trotzdem im Kindergarten dafür eingesetzt, dass sie zusammen in die Gruppe kommen und ich denke, es war genau richtig so.Ich denke, warum sollte man sie trennen? Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es mir nicht geschadet hat. Wir sind sehr unterschiedliche Wege gegangen, hatten zwar meist den gleichen Freundeskreis, aber eigene beste Freundinnen.

Und zum Schluss: Ein absolutes No-Go im Umgang mit Zwillingen?
Bille: Zwillinge vergleichen. Deine Schwester ist/macht/…. usw. Es gibt nichts grausameres. Vor allem, wenn die Andere vermeintlich alles besser kann. Das schadet dem Selbstwertgefühl.

Tausend Dank, liebe Bille, für diesen besonderen Zwillingsmoment.
Eure Ella
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3 Gedanken zu „Zwillingerig extreme: das Interview II

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