Das Intraview: der kaiserliche Schnitt

Viele Mütter leiden lange darunter, wenn sie ihre Kinder per Kaiserschnitt zur Welt bringen mussten. Sie fühlen sich einer natürlichen Geburt beraubt. Ich nicht. Wie ich mich mit meinem Kaiserschnitt gefühlt habe und warum die Narbe trotzdem manchmal nervt, erfahrt ihr heute in meinem Selbstgespräch.

Wann stand fest, dass meine Zwillinge per Kaiserschnitt zur Welt kommen würden?
Das entschied sich schon recht früh. Bei der Feindiagnostik stellten die Ärzte fest, dass meine eineiigen Zwillinge sich eine Plazenta teilen. Das ist bei einer natürlichen Geburt riskant für Mutter und Kinder. Deshalb wurde mir zu einem geplanten Kaiserschnitt geraten. Ehrlich gesagt, habe ich keine Sekunde gezögert, diesen Rat anzunehmen. Ich war keine dieser Schwangeren, die sich alles zutraut und ein Urvertrauen in das Wunder der Geburt hat. Ich war unsicher und hatte keine Ahnung, was für mich und die Kinder das Beste ist. Alles, was für mich zählte, war, dass wir drei möglichst unbeschadet aus dieser Nummer herauskamen. Deshalb hat mir der Kaiserschnitt von Anfang an ein sicheres Gefühl gegeben. Und ich weigere mich standhaft, mich auch nur ansatzweise dafür zu schämen.

Und als es dann schließlich soweit war?
Einen Tag, bevor ich den Termin für meinen geplanten Kaiserschnitt bekommen sollte, lag ich mit Wehen und einer geplatzten Fruchtblase im Krankenhaus. Ich habe darüber in einem älteren Intraview berichtet. So hatte ich mir das natürlich nicht vorgestellt. Und dass ich wegen der Schwangerschaftsvergiftung und meiner miserablen Blutwerte einen Notkaiserschnitt mit Vollnarkose brauchte, natürlich erst recht nicht. Aber so war es nun mal. Alles kam sehr plötzlich und im Nachhinein bin ich sehr froh, dass ich nicht viel Zeit zum Nachdenken hatte. Als die Entscheidung für den Notkaiserschnitt fiel, wurde ich quasi schon aus dem Zimmer geschoben

Wie habe ich mich dabei gefühlt?
In den 15 Minuten zwischen Entscheidung und OP hatte ich unendliche Angst. Um meine Kinder, um mich. Ich möchte lieber nicht zu genau schildern, was mir alles durch den Kopf ging. Der OP war voll mit Leuten — bei zehn habe ich aufgehört zu zählen. Das war schon beängstigend. Aber ich fühlte mich in guten Händen. Auch die ersten Stunden nach der Geburt habe ich schon mal geschildert, ich will mich nicht wiederholen. Was mir an dieser Stelle aber ganz wichtig ist zu betonen: Ich habe den Kaiserschnitt niemals bereut! Ich hatte nie das Gefühl, dass mir etwas genommen wurde. Schließlich ging es bei dieser Sache nicht um mich und dass ich eine schöne Geburt erlebe. Es ging um meine Kinder. Ich hätte alles dafür getan, dass sie die besten Überlebenschancen haben. Und wenn das einen Kaiserschnitt bedeutet, dann nehme ich das hin, ohne irgendwelche Ansprüche zu erheben. Ich glaube daran, dass ein Teil unseres Lebens vorbestimmt ist — nennt es Schicksal, Karma oder wie ihr wollt. Und unsere Kinder sollten eben so auf die Welt kommen. Alles andere wäre dann vielleicht schief gegangen. Deshalb kann ich einer natürlichen Geburt keine Träne nachweinen.

Gibt es trotzdem etwas, was mich an dem Kaiserschnitt belastet?
Ja, das gibt es. Wenn ich im Fernsehen diese ganzen Babysendungen sehe, muss ich jedes Mal schlucken, wenn ich den Moment sehe, wenn die Mütter ihre Kinder auf den Bauch gelegt bekommen. Als meine Mädels das Licht der Welt erblickten, war ich nicht bei Bewusstsein. Und mein Mann durfte wegen der Vollnarkose auch nicht mit in den OP. Weder Mama noch Papa haben also die ersten Minuten unserer Kinder miterlebt. Das macht mich schon traurig. Weil ich mir das sehr schön vorgestellt hätte. Und weil ich den Gedanken schrecklich finde, dass meine Mädels so plötzlich aus Mamas Bauch gerissen wurden und dann erst einmal allein waren. Das beschäftigt mich und ich habe am Anfang viel darüber nachgedacht, ob meine Mäuse später unter dieser ersten Erfahrung leiden könnten. Mit fast zwei Jahren Abstand halte ich das für Blödsinn. Wir haben unsere Kinder von Anfang an mit Liebe überschüttet und sind immer für sie da. Da vertraue ich jetzt einfach darauf, dass die ersten Stunden ihres Lebens vergessen sind und im Vergleich zum Rest nicht mehr ins Gewicht fallen.

Und wie geht es mir körperlich damit?
Während des Kaiserschnitts habe ich viel Blut verloren. Meine Werte waren tagelang im Keller und ich habe mich mit Händen und Füßen gegen Bluttransfusionen gewehrt. Mein Kreislauf war komplett out of order, aber ich habe mir so wenig wie möglich anmerken lassen, dass ich leide. Ich wollte einfach zu meinen Kindern. Wenige Stunden nach der OP im Rollstuhl, danach direkt zu Fuß. Schmerzmittel habe ich zwölf Stunden nach der OP das letzte Mal genommen, danach nie wieder. Ich habe keine Ahnung, wie ich das damals gemacht habe. Aber dieser Drang zu meinen Kindern hat alles andere in den Hintergrund gerückt. Die Schwestern auf der Frühchen-Intensiv haben mir immer heimlich Schoki zugeschoben, wenn sie mir ansahen, dass ich gleich umkippe. Dafür bin ich ihnen bis heute sehr dankbar :-).

Meine Narbe ist länger als normale Kaiserschnittnarben. Auch heute noch ist sie sehr empfindlich und an einer Stelle etwas dick. Aber sie ist ein Teil von mir und wird es immer bleiben. Sie erinnert mich jeden Tag an diese Zeit — an die glücklichste und zugleich schwerste Zeit meines Lebens. Und das ist auch verdammt gut so. Denn ich möchte niemals vergessen, was für ein Glück wir hatten, dass unsere Frühchen alles so super gemeistert haben. Andere lassen sich Tattoos stechen, ich habe meine Narbe. Und auch wenn ich oft meckere, weil sie zwickt, juckt oder doof aussieht. Eigentlich kümmert mich das alles herzlich wenig. Ich trage sie mit Stolz. Deshalb sag ich jetzt ein für allemal: Lass jucken Kumpel. 😉

Eure Ella

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4 Gedanken zu „Das Intraview: der kaiserliche Schnitt

  1. Und ganz wichtig: deine Mäuse hatten, wie du selbst gezählt hast, mindestens 20 liebevolle Hände um sich und wurden ganz bestimmt mit ganz viel Fürsorge und Liebe in Empfang genommen! Ich danke dir für dieses Selbstgespräch! GLG

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