Zwillingerig extreme: das Interview III

Nachdem ich Euch mit Jutta und Bille zwei doppelt zwillingerige Mamas vorgestellt habe, spreche ich heute mit einer beeindruckenden jungen Frau, die selbst gerade noch ein Kind war und jetzt Zwillingsmuddi ist.

Lena ist 16 als sie erfährt, dass sie Zwillinge erwartet. Ihr Leben steht von einer Minute auf die andere Kopf. Doch anders als wir es mit unserem Teenie-Mütter-Klischee erwarten, geht sie die Herausforderung sehr besonnen an. Heute ist Lena 17 und hat mit ihrem 20-jährigen Freund und ihrem acht Monate alten Zwillingspärchen ein Familienleben, von dem sich so mancher „richtige“ Erwachsene ein Scheibchen abschneiden kann. Sie haben schon viel erlebt. Und ich warne Euch: Es wird wieder emotional.


Lena, hast du dir immer schon gewünscht, früh Mutter zu werden?
Lena: Nein, definitiv nicht. Ich wollte höchstens ein Kind und wenn überhaupt dann zehn Jahre später. Als ich es erfahren habe, ging mir sofort durch den Kopf:Wie soll das funktionieren? Ich war mitten in den Abschlussprüfungen für den Realschulabschluss und wollte meine Ausbildung als Heilerziehungspflegerin beginnen. In der13. SSW haben wir erfahren, dass es Zwillinge werden. Ich war unglaublich verwirrt und habe die komplette Praxis zusammen gebrüllt. Dementsprechend haben auch alle geguckt, als ich rauskam :-). Heute denke ich, mir hätte nichts besseres passieren können.

Wie hat dein Umfeld auf die Nachricht reagiert?
Lena: Mein Freund hat sofort gesagt, dass er immer hinter mir stehen wird und wir alles zusammen schaffen werden. Obwohl es ihn innerlich anfangs auch zerfressen hat. Meine Eltern sind selbst noch sehr jung, sie sind mit 36 Großeltern geworden. Meine Mutter war anfangs sehr geschockt, hat sich aber schnell gefreut und mich bei jedem Arztbesuch begleitet, weil mein Freund meistens arbeiten musste. Mein Vater hat ein paar Tage nicht mit mir und meinem Freund geredet. Aber nicht, weil er wütend war, sondern weil er sich ziemliche Sorgen gemacht hat. Immerhin war ich eigentlich noch sein kleines Mädchen.
Wir hatten definitiv mit Vorurteilen zu kämpfen. Die meisten ‚Freunde‘ sind gegangen. Aber ich muss heute — ein Jahr später — sagen, dass es mich nicht mehr stört. Meine damals beste Freundin hat mich sehr enttäuscht. Wir sind vier Jahre durch dick und dünn gegangen und von ihr kam eine Aussage, die ich nicht wiedergeben möchte. Seitdem haben wir nicht mehr miteinander gesprochen. Meine Klassenlehrerin hat toll reagiert und hatte die letzten Tage meiner Schulzeit immer Verständnis für mich.

Hast du jemals darüber nachgedacht, die Kinder nicht zu bekommen?
Lena: NEIN!! Die beiden Wunder auf dem Bildschirm waren schon so groß und im Endeffekt war der ausschlaggebende Punkt diese zwei kleinen schlagenden Herzen.

Was war während der Schwangerschaft das Schwerste für dich?
Lena: In der 18. SSW wurde in meiner rechten Brust ein Tumor festgestellt, trotz etlicher Proben konnte leider kein Arzt sagen, ob er bösartig ist. Also musste er unter Vollnarkose entfernt werden. Es war sehr schwer für mich zu wissen, dass meine Babys unter der Narkose leiden können. Zum Glück ist alles gut gegangen. Außerdem bin ich in der 25. SSW nachts mit Blutungen ins Krankenhaus gekommen, dort habe ich die Lungenreifungsspritzen bekommen und sollte mir vorsichtshalber die Intensivstation ansehen. Schließlich habe ich zum Glück noch bis zur 37. SSW durchgehalten.

Kannst du deine Gefühle beschreiben, als du deine Mäuse das erste Mal im Arm hattest?
Es war unbeschreiblich. Mein Freund hatte Mila auf dem Arm und ich Maximilian. In dem Moment sah mein Freund mich an und sagte nur ‚Danke‘. Dieses kleine einfache Wort hat mir in diesem Moment sehr viel bedeutet.

Fühltest du dich jemals überfordert mit den beiden?
Lena: Sind wir mal ehrlich! In meinem Alter hat man doch sogar Angst davor, mit einem Baby überfordert zu sein… und dann gleich zwei? Ich hatte Angst und wie!Überfordert war ich eindeutig, als die beiden mit ein paar Tagen schon das erste Mal erkältet waren. Wir waren in der Woche drei Mal bei unserem damaligen Kinderarzt, der uns immer wieder mit einer angeblichen Erkältung nach Hause schickte. Am nächsten Tag hat Maximilian nur noch geschlafen, ich wusste etwas stimmt nicht. Wir sind abends in die Notaufnahme gefahren, dort ist er grau angelaufen und hat aufgehört zu atmen. Er wurde intubiert. Genau in diesem Moment war ich überfordert. Ich kannte das Gefühl nicht, dass mein Herz zerbricht, wenn ich den Schmerz meiner Kinder nicht stoppen kann. Er kam mit dem Krankenwagen im Inkubator auf die Intensivstation, die ersten 48 Stunden durften wir ihn nicht einmal anfassen. Es war nicht klar, ob er es schaffen würde. Drei harte Wochen hat er dort gekämpft. Mila war die ganze Zeit mit bei ihm im Zimmer, weil auch sie den RS-Virus hatte, aber zum Glück nicht halb so schlimm. Ich bin sonst nicht gläubig, aber in dieser Zeit habe ich dem Herren dort oben dafür gedankt, dass er meinem Sohn eine zweite Chance gegeben hat.

Was unterscheidet dich vom Klischee der Teenie-Mutter? 
Lena: Das ist schwer zu sagen. Ich glaube einfach, dass viele Mädels im meinem Alter das Feiern vermissen oder von ihrem Freund in der Schwangerschaft sitzen gelassen wurden. Oder vielleicht gar nicht wissen, wer der Papa ist. Vielleicht haben sie aber auch einfach nicht verstanden, was es heißt MAMA zu sein. Wenn ich Mittwochabends RTL2 einschalte und die Sendung ‚Teenie-Mütter‘ läuft, dann wundern mich auch die ganzen Vorurteile jungen Müttern gegenüber nicht wirklich.

Was bedeutet es dir, Mama von Zwillingen zu sein?
Lena: Es ist was ganz besonderes. Es sind die kleinen Momente der beiden untereinander, die zeigen, wie schön es ist Mama von Zwillingen zu sein. Als sie sich das erste mal bewusst angelacht haben, sind die Tränen gelaufen!

Wie hat sich die Beziehung zu deinem Freund verändert?
Lena: Unsere Beziehung wurde schon während der Schwangerschaft immer intensiver. Mein Freund hat sich sehr bemüht mir alles Recht zu machen und mir oft gesagt, wie sehr er mich für meine Kraft bewundert und liebt. Ich bin unendlich stolz auf unsere Beziehung und besonders darauf, dass mein Freund bei uns geblieben ist. In dem Alter hätten das wahrscheinlich die wenigsten Jungs / Männer gemacht. Klar hat man jetzt nicht mehr so viel Zeit füreinander. Aber es hat uns zusammengeschweißt. Und oft wenn wir abends im Bett liegen und den Tag Revue passieren lassen, reden wir darüber wie schön es zu viert ist. Wir haben einfach etwas, was uns niemand mehr nehmen kann.

Bekommt ihr Unterstützung?
Lena: Wir wohnen bei meinen Schwiegereltern mit im Haus. Haben dort eine eigene Wohnung aber es ist schon so, dass wir uns oft sehen. Wir fühlen uns hier super wohl, obwohl es anfangs schwer für mich war. Ich habe meine Eltern und Schwestern sehr vermisst.Unterstützt werden wir von beiden Familien. Mit dem Jugendamt haben wir gar nichts zu tun, dadurch, dass mein Freund 20 ist. Wir haben beide das geteilte Sorgerecht und er die Vormundschaft. Das heißt wir entscheiden alles zusammen, aber er muss unterschreiben.Mir ist meine Familie sehr wichtig.Meine Eltern haben mir beigebracht, wie wichtig es ist, dass man über alles redet. Vor zwei Jahren hat es mich total genervt und heute bin ich für diese Fähigkeit sehr dankbar!

Was ist das Tollste daran, Mama zu sein?
Lena: LIEBE, unendliche LIEBE. Sie verlangen nichts von einem und geben soo viel Liebe.

Liebe Lena, vielen Dank für das tolle Gespräch. Du hast es geschafft, dass ich mal wieder Pippi in den Augen hatte. Dass du dich so geöffnet hast, obwohl dir so viele Menschen mit Vorurteilen begegnen, bedeutet mir sehr viel. Ich wünsche Euch alles erdenklich Gute für Eure kleine Familie!

Und an Euch alle: Wir würden uns sehr über eine kleine Rückmeldung freuen, wie Euch unser Gespräch gefällt.

Eure Ella
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