Von Schicksal und Dankbarkeit

Gemeinsame Erlebnisse schweißen Menschen zusammen — selbst wenn sie sonst vielleicht nie etwas miteinander zu tun gehabt hätten. Das haben wir am eigenen Leib erfahren, als wir nach der Geburt fünf Wochen mit unseren Mädels im Krankenhaus waren. Egal, welchen Hintergrund man hat, welche Interessen und Einstellungen: Die Angst ums eigene Kind ist bei allen Eltern gleich. Und das verbindet.
Gestern haben wir uns mit mehreren Familien getroffen, die wir in dieser Zeit kennengelernt haben. Wir sind nicht alle befreundet. Zu einigen haben wir im Alltag keinerlei Kontakt. Aber einmal im Jahr sehen wir uns und verbringen — wie gestern — einen wunderschön entspannten Tag, der für uns alle eine kleine Zeitreise bedeutet: von den kleinen Würmchen von damals, zu den „Riesenkindern“ von heute … und in Gedanken auch wieder zurück.

Während wir alle in unseren Gartenstühlen sitzen und den Kindern beim Spielen zuschauen, können wir es kaum glauben: Vor knapp zwei Jahren waren alle diese Kinder winzig klein. Und nicht allen ging es so gut wie unseren. Klein E. zum Beispiel wurde in der 32. Schwangerschaftswoche schwerkrank geboren, nachdem er schon im Bauch seiner Mama operiert werden musste. Damals war so ungewiss, ob und wie er es schafft. Und heute ist er zwar immer noch etwas schwach, aber grundsätzlich gesund und so niedlich, dass man ihn abknutschen könnte. Gleich neben ihm spielen die Zwillinge, die Anfang der 25. Schwangerschaftswoche mit wenigen hundert Gramm geholt werden mussten. Wochenlang kämpften sie um ihr Leben, mussten viele Operationen und Komplikationen durchmachen. Über ein halbes Jahr verbrachte ihre Mutter mit ihnen in der Klinik, bevor sie endlich nach Hause durften. Mit einigen Einschränkungen werden die beiden immer leben müssen. Doch sie strahlen übers ganze Gesicht, brabbeln vor sich hin und freuen sich, mit den anderen Kindern durch den Garten zu krabbeln.

Wenn ich ihnen allen so zuschaue, wird mir ganz warm und ich spüre schon wieder Pippi in meine Augen steigen. Weil ich gar nicht fassen kann, wie viel Glück wir alle gehabt haben. Und damit bin ich nicht allein. Denn genau das verbindet all diese Eltern: Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass sie ihre Kinder bei sich haben dürfen. Dass die Kleinen so stark waren und den schweren Start ins Leben gemeistert haben. Niemand hier hadert noch mit dem Schicksal der Frühgeburt. Alle sehen das Positive — feiern ihr gemeinsames Leben und jeden Entwicklungsschritt.

Diese Einstellung, die alle teilen, rührt mich ungemein. Und es rührt mich, wie offen in dieser Runde gesprochen wird. Da macht niemand Halt vor ethischen Diskussionen: Ist ein Leben lebenswert, dass als Extremfrühchen mit Beatmung, Hirnblutungen und Darmproblemen beginnt? Wie ist es, wenn einem niemand vorhersagen kann, welche Auswirkungen all das auf die Entwicklung hat? Wenn man sein Kind jeden Tag genau beobachtet, um herauszufinden, wie stark es eingeschränkt ist — oder auch nicht. Bei keinem Kind aus unserer Runde muss man über lebenswert oder nicht diskutieren: Sie alle können ihr Leben genießen und haben sich viel besser entwickelt als es ihre Prognosen damals vorhergesagt haben. Und obwohl dem so ist, können sich alle vorstellen, dass es auch anders kommen kann. Dass der Preis für ein viel zu früh begonnenes Leben vielleicht manchmal einfach zu hoch ist. Und alle sind zwiegespalten, wenn es um die Diskussion geht, ab welcher Schwangerschaftswoche versucht werden sollte, Babies zu retten. Wenn man beispielsweise daran denkt, dass die Zwillinge aus unserer Runde in den Niederlanden keinerlei Chance gehabt hätten (dort rettet man erst ab der 27. SSW), wird einem fast schlecht. Andererseits ist auch der Gedanke an Leben um jeden Preis mehr als gruselig.

Natürlich haben wir alle keine Lösung für dieses Dilemma. Und ich möchte auch gar nicht zu tief in die ethische Debatte einsteigen. Ich möchte nur sagen: Viele Dinge erscheinen in ganz anderem Licht, wenn man sie aus einer anderen Perspektive betrachtet. Und dieses Treffen hat mir wieder unglaublich viel gegeben: Die Gewissheit, dass es sich jeden Tag lohnt, über den Tellerrand zu schauen. Dass Glück für jeden etwas anderes bedeutet und tatsächlich jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Wir haben zwar nicht in der Hand, wie gut es das Schicksal mit uns meint. Aber wir können entscheiden, wie wir damit umgehen. Denn Dankbarkeit und Zufriedenheit haben nichts damit zu tun, wie viel Glück wir im Vergleich zu anderen haben. Dankbarkeit ist eine Lebenseinstellung, die wir bewusst wählen können. Und ich glaube, dass wir gut beraten sind, wenn wir es tun.

Eure Ella

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4 Gedanken zu „Von Schicksal und Dankbarkeit

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