Das Intraview: Eineiig…Fluch oder Segen?

Vor längerer Zeit habe ich von unserem Gentest berichtet. Er hat bewiesen, dass unsere Mäuse eineiig sind. Nun hat eine andere Zwillingsmama für ihre Jungs den gleichen Test gemacht — mit dem gleichen Ergebnis. Und sie sagt ganz offen: Sie hätte sich gewünscht, dass ihre Jungs zweieiig sind, damit auch Außenstehende sie stärker als Individuen wahrnehmen. Das hat mich zum Grübeln gebracht. Was dabei herausgekommen ist, erfahrt ihr in meinem heutigen Selbstgespräch.

Habe ich mir immer eineiige Zwillinge gewünscht?
Nein. Als ich erfuhr, dass wir Zwillinge bekommen, hieß es erst, sie wären zweieiig. Damals war ich auch froh darüber. Ich redete mir ein, dass man sie nicht vergleichen würde, weil sie völlig anders aussehen würden. Bei eineiigen sagen immer irgendwelche Penner, dass der eine Zwilling trotz der verblüffenden Ähnlichkeit hübscher sei als der andere. Oder die Leute achten einfach gar nicht drauf und scheren beide über einen Kamm. Das fand ich beängstigend. Doch als ich anfing, mich stärker mit Zwillingen zu beschäftigen, war ich sofort von der Faszination eineiiger Zwillinge gebannt. Da änderte sich mein Wunsch schlagartig und ich bin heute überglücklich, dass wir eineiige Mädchen haben.

Was macht diese Faszination aus?
Die Tatsache, dass zwei Menschen genetisch vollkommen identisch sind, ist einfach ein Wunder! Kein Einling kann sich vorstellen, was das wirklich bedeutet. Eineiige Zwillinge teilen sich nicht nur den Bauch der Mutter. Sie teilen sich ihr gesamtes Erbgut. Nicht überraschend, dass sie häufig eine so enge emotionale Bindung zu einander haben. Für mich ist das einfach unglaublich spannend. Und jeder Tag, an dem ich diese Bindung spüren und beobachten kann, macht mich reicher. Denn so etwas erleben zu dürfen, ist für mich ein großes Geschenk. Und für meine Mäuse auch. Was Bille in ihrem Interview über die Bindung zu ihrer Zwillingsschwester erzählt, hat mich in dieser Einstellung bestärkt. Ich möchte meine Kinder in dem Bewusstsein erziehen, dass ihre Zwillingsbindung etwas ganz Besonderes ist, die sie immer schätzen sollten.

Heißt das, dass die beiden ihre Individualität aufgeben sollen?
Auf keinen Fall! Eher im Gegenteil. Ich denke heute noch einen Schritt krasser: Traue ich meinen Kindern nicht viel zu wenig zu, wenn ich denke, sie bräuchten äußerliche Unterschiede, um als Individuen anerkannt zu werden? Wenn Gene und Erziehung gleich sind, können wir uns sehr sicher sein, dass jeder wahrnehmbare Unterschied ein Ausdruck des individuellen Charakters ist. Und wenn meine identischen Zwillinge es schaffen, sich trotz aller Ähnlichkeiten als eigenständige Personen zu behaupten, dann beweisen sie wahre Größe und wahren Charakter. Nicht äußerliche Merkmale werden beschreiben, was sie ausmacht. Es wird ihre Persönlichkeit sein, auf die Menschen achten, um sie zu unterscheiden. Und das finde ich einen sehr schönen Gedanken! Natürlich wird das nicht immer leicht sein. Aber es macht eineiige Zwillinge für mich zu etwas ganz Besonderem.

Vermeide ich deshalb die Formulierung „die Zwillinge“?
Nein, das tue ich nicht. Natürlich spreche ich über beide mit ihrem Namen. Aber wenn es passt, nenne ich sie auch Zwillinge. Weil ich denke, dass auch dies nicht vernachlässigt werden darf. Nach allem, was ich aus Erzählungen und aus Büchern erfahren habe, glaube ich daran, dass das Zwilling-Sein ein ganz elementarer Bestandteil der Persönlichkeit von eineiigen Zwillingen ist. Warum wird von mir als Mutter erwartet, ihnen das ständig abzusprechen? Und warum dürfen die Zwillinge selbst sich nicht auch als Zwillinge fühlen, wenn sie es möchten? Wie ich schon einmal geschrieben habe: Der Wunsch nach Unterschiedlichkeit darf uns meiner Meinung nach niemals dazu verleiten, die beiden in eine Richtung zu drängen, die wir Eltern als richtig erachten. Charaktereigenschaften unangemessen hervorzuheben, nur um beide vermeintlich einzigartig zu machen. Ob größtmögliche Abgrenzung oder gegenseitige Anpassung — diese Entscheidung möchte ich meinen Kindern überlassen und sie dabei so wenig wie möglich beeinflussen.

Aber wie soll das gehen? Was ist dann mein Beitrag als Mutter?
Ich sehe es als meine Aufgabe, meine Kinder bei der Suche nach sich selbst so gut es geht zu unterstützen. Ich möchte sie darin bestärken, mit anderen Menschen nachsichtig zu sein, wenn diese sie nicht auf Anhieb unterscheiden können. Vor allem aber möchte ich ihnen das Selbstvertrauen geben, an sich zu glauben und sich zu lieben. Für das was sie sind: einzigartige Persönlichkeiten — aber eben auch Zwillinge. Und das Wichtigste von allem: Ich möchte ihnen beibringen mit uns Eltern und miteinander zu reden. Schließlich haben wir noch nie Zwillinge gehabt und sie sind noch nie welche gewesen. Wir haben also alle keine Erfahrung. Doch gemeinsam können wir herausfinden, was ihnen gut tut. Warum bilden wir Eltern uns so oft ein, allein zu wissen, was gut für unsere Kinder ist. Schon sehr früh können wir sie einbinden und von ihnen lernen. Solange wir mit einander reden und wissen, wie es einander geht, können wir bei Bedarf jederzeit den Kurs ändern. Das ist sicher kein Patentrezept. Aber es ist unser Weg. Und wenn ich als Bloggerin lang genug durchhalte, werdet ihr bestimmt daran teilhaben, wie er funktioniert.

Eure Ella

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