Offener Brief an die Zeitschrift „Zwillinge“

In der vergangenen Woche flatterte bei uns die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für Mehrlingseltern „Zwillinge“ ins Haus. Für uns ist es die letzte Ausgabe eines einjährigen Abos. Warum ich mich entschieden habe, die Zeitschrift nicht weiter zu lesen und warum ich öffentlich darüber spreche, erfahrt Ihr in meinem offenen Brief an die Redaktion.

Liebe Frau von Gratkowski,

als meine eineiigen Zwillingsmädchen auf die Welt kamen, habe ich mich wie so viele Mehrlingsmütter nach Tipps und Austausch mit Gleichgesinnten gesehnt. Umso begeisterter war ich, als ich bei meinen Recherchen auf Ihre Zeitschrift stieß. Ein Magazin extra für Zwillingseltern war genau das, was ich gesucht hatte. Deshalb schloss ich direkt ein Jahres-Abo ab. Doch schon nach wenigen Monaten war mir klar, das „Zwillinge“ nicht das ist, was ich erwartet hatte. Weil Sie sich offenes Feedback von Ihren Lesern wünschen, schreibe ich Ihnen heute, warum mein „Zwillinge“-Abo nach nur einem Jahr endet.

Ich habe größten Respekt davor, was Sie in den vergangenen 28 Jahren geleistet haben. Eine Zeitschrift trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten so lange im Alleingang am Laufen zu halten, erfordert viel Motivation und Idealismus. Gerade deshalb wäre Ihnen zu wünschen, dass „Zwillinge“ erfolgreich und sorglos läuft. Und ich hatte mir fest vorgenommen, ihr Engagement zu unterstützen.

Doch wie sie selber schreiben, ist das Konzept der Zeitschrift noch dasselbe wie vor knapp 30 Jahren: Eltern senden Ihnen ihre Geschichten und Tipps und sie veröffentlichen diese. Die Medienlandschaft hat sich aber seit den Anfängen ihrer Zeitschrift komplett verändert. Wir Leser haben uns verändert. Geschichten von anderen Zwillingseltern haben wir früher vielleicht nur in Ihrem Magazin lesen können. Heute bekommen wir sie in vielen persönlichen und liebevoll gepflegten Blogs von Zwillingsmamas aus aller Welt. Diese Blogs lassen uns tagesaktuell am Leben der Mütter teilhaben und haben den Vorteil, dass wir eine Familie und ihr Leben mit Zwillingen über einen längeren Zeitraum begleiten und kennenlernen können, statt eine einzelne Geschichte zu lesen. Da kann eine monatlich erscheinende Zeitschrift einfach nicht mithalten — auch wenn Sie sich noch so viel Mühe geben. Und das kann man auch niemandem vorwerfen.

Von einem Magazin, für das ich jeden Monat (nicht wenig) Geld bezahle, erwarte ich einfach etwas anderes. Ich wünsche mir neben den persönlichen Geschichten auch gut recherchierte, journalistisch aufbereitete Artikel, Gespräche mit Experten und überraschende Einsichten in die Welt von Zwillingen. Statt dessen bekomme ich in Ihrer Zeitschrift sehr viele Tipps, die gar nichts mit Zwillingen zu tun haben, sondern nur zufällig aus einer Zwillingsfamilie stammen (Backrezepte, Basteltipps). Wenn ich dann noch entdecke, dass in jeder Ausgabe Geschichten inklusive Grammatik- und Rechtschreibfehlern übernommen werden, verliere ich leider die Lust am Lesen.

Doch was mich wirklich ärgert, ist, dass Sie sich in jeder Ausgabe beschweren: Sie klagen über zu wenige Abonnenten, sie betteln Ihre Leser geradezu an, für Ihre Zeitschrift Werbung zu machen und sie verurteilen, dass es vielen Müttern „genügt“ sich nur im Internet schlau zu machen. Mir ist bewusst, dass die Zeiten für gedruckte Magazine nicht einfach sind und dass dies ziemlich an die Nieren gehen kann. Aber das geht allen Zeitschriften so. Und die Leser, die Ihre Zeitschrift abonnieren und damit an Ihrer Seite stehen, sind doch wirklich die falschen Adressaten für Ihren Frust. Mich persönlich stören diese Kommentare sehr und sie sind mir zu einseitig. Denn nicht jeder, der sich lieber im Internet informiert als Geld für ein Magazin zu zahlen, ist einfach zu genügsam. Vielleicht geht es einigen auch wie mir und sie sehen in Ihrem Magazin keinen Mehrwert, für den es sich lohnt, Geld zu bezahlen.

In der aktuellen Ausgabe haben Sie einer Autorin, die Ihre Zeitschrift nicht im Anhang ihres Buches erwähnt hat, mangelnde Recherche vorgeworfen. Genau der Kommentar hat mich dazu bewogen, diesen Brief auf meinem Blog zu veröffentlichen. Denn diesen Vorwurf finde ich geradezu frech. Auch ich schreibe über Zwillinge und auch ich habe Ihre Zeitschrift bisher nie erwähnt. Aus gutem Grund: Weil ich Ihrem Magazin mit meiner ganz persönlichen Meinung nicht schaden möchte. Doch wenn Sie bereit sind, über andere Autoren zu urteilen und sie öffentlich anzugreifen, ist diese Rücksichtnahme wohl fehl am Platz. Ich möchte mir jedenfalls keine mangelnde Recherche vorwerfen lassen. Ich kenne Ihre Zeitschrift sehr gut und würde sie dennoch nicht uneingeschränkt weiterempfehlen.

Ich glaube daran, dass jeder bis zu einem gewissen Grad seines eigenen Glückes Schmied ist. Wenn Sie an Ihrem Konzept festhalten möchten, sollten Sie auch mit den Folgen zufrieden sein und sich nicht über andere erheben. Frei nach dem Motto: love it, change it, or leave it (liebe es, ändere es oder (ver)lass es).

Vielleicht stehe ich mit meiner Meinung allein da. Das kann gut sein und damit kann ich leben. Diese Meinung musste jetzt aber einfach mal raus. Trotz aller Kritik wünsche ich Ihnen von Herzen alles Gute — persönlich und für Ihre Zeitschrift. Ihr Durchhaltevermögen ist bewundernswert! Sie bezeichnen Ihre Zeitschrift selber als Dinosaurier. Und ich hoffe, dass es „Zwillinge“ im Gegensatz zu den Dinosauriern gelingt, sich an die veränderten Umfeldbedingungen anzupassen und so noch lange zu überleben.

Viele Grüße

Ella 

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12 Gedanken zu „Offener Brief an die Zeitschrift „Zwillinge“

  1. Vielen Dank! Ich hatte mir während der Schwangerschaft das Buch dazu gekauft, in dem ausgewählte Artikel aus dem Magazin veröffentlicht sind und war mehr als enttäuscht. Keine Tipps, die ich nicht schon aus Zwillingsforen oder -blogs kannte und dazu teilweise noch Erfahrungen und Ansichten aus vergangenen Jahrzehnten. Also, vielen Dank für die gute – leider traurige – Zusammenfassung.

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  2. Liebe Ella!
    Genau so geht es mir auch!
    Nach einem Jahr ist Schluss!!
    Ich habe mir so viel mehr erhofft, schade!
    Wo holst du dir Inspirationen, Ratschläge und Hilfe.
    Ich habe auch eineiige Zwillingsmädels (korrigiert 15 Monate)
    Liebe Grüße Judith

    Gefällt 1 Person

    • Danke für deine Rückmeldung! Ehrlich gesagt recherchiere ich mir meine Infos selbst zusammen: Onkel Google, Blogs, Instagram, Zwillingsforschung und -literatur. Und der Rest läuft bei mir nach Bauchgefühl. 😊 Würd mich freuen, wenn du auf meinem Blog etwas Hilfreiches findest. ☺️ Liebe Grüße

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