Zwillingerig extreme: Das Interview V

IMG_1855 KopieEs ist schon eine ganze Weil her seit dem letzten Interview auf meinem Blog. Aber ich habe versprochen, euch in diesen Gesprächen immer ganz besondere Geschichten vorzustellen. Und besondere Geschichten brauchen Zeit — und Platz. Das heutige Interview hat mich wieder einmal zutiefst bewegt! Wahrscheinlich ist es deshalb so lang geworden. Aber ich finde, diese Geschichte ist jedes Wort wert.

Yvonne (auf Instagram heißt sie Vorstadtmama) und ihr Mann sind eigentlich glücklich als kleine Familie mit ihrem Sohn. Doch der Wunsch nach einem zweiten Kind ist so groß, dass sie die Strapazen einer künstlichen Befruchtung auf sich nehmen — ganze sieben Mal. Beim letzten Versuch klappt es endlich. Und wie: Yvonne erwartet Drillinge! Im Gespräch mit mir berichtet Yvonne, wie sie den ersten Schreck verdaut hat und warum von ihren drei Babys heute nur zwei Leben dürfen.

Sieben künstliche Befruchtungen: Hast du je daran gedacht, aufzugeben?
Yvonne: Oh je, ungefähr nach jedem negativen Schwangerschaftstest. Die ersten Tage danach war ich immer ohne jegliche Hoffnung und hatte eigentlich keine Lust mehr. Ich hatte jedoch meist immer noch eingefrorene Eizellen. Und aufgeben ist nicht meine Stärke. Jeder, der schon mal in der Situation war, weiß, dass man erst aufhört es zu versuchen, wenn das Geld ausgeht. Solange noch ein Funken Hoffnung besteht, macht man immer weiter. Ich bin an sich ein ungeduldiger Mensch, und es hat mich sehr gewurmt, dass es einfach nicht funktionieren wollte. Ich habe dann über ein halbes Jahr pausiert, bin einen Halbmarathon gelaufen und habe dafür hart trainiert. Auch danach hatte ich noch zwei Rückschläge. Dann haben wir uns einen Ruck gegeben und ich habe noch ein allerletztes Mal drei Eizellen einsetzen lassen…

Erinnerst du dich noch an den Moment, als ihr erfahren habt, dass es Drillinge werden?
Yvonne: Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich da beim Ultraschall lag — mein Mann war auch dabei. Man konnte gleich zwei sehen, dann hat sie noch einen Schwenk nach links gemacht und da war er, der dritte kleine weiße Kreis. Ich dachte mir nur: „Oh verdammte Scheiße“. Und meine Frauenärztin meinte zu mir: „Jetzt sagen Sie nicht, ich hätte sie nicht gewarnt“. Mein Mann konnte es zu dem Zeitpunkt nicht wirklich wahr haben. Er hat sich erkundigt, wie sicher es sei, das alle drei sich weiterentwickeln. Ich war wie erstarrt danach. Mir kamen sofort Bilder von Frühchen und Totgeburten und ich habe nicht gedacht, dass ich im Stande sei, drei Kinder auszutragen. Normalerweise wäre das der Zeitpunkt gewesen, an dem ich mich hätte freuen sollen: Wir hatten es endlich geschafft. Ich war schwanger. Ich dagegen hatte nur Panik und wusste, dass das mit Sicherheit keine schöne und entspannte Schwangerschaft wird.

Wie habt ihr Euch dann schließlich mit dem Gedanken angefreundet
Yvonne: Das hat sehr lange gedauert. Die Panik und der Schock hielten ungefähr bis zur 8. SSW an, danach hab ich einfach alles daran gesetzt, mich total auf die Schwangerschaft einzulassen. Mein Mann hat noch länger gebraucht. Er hat sogar mit dem Gedanken gespielt, die Embryos reduzieren zu lassen. Die Entscheidung überließ er mir und für mich war das völlig ausgeschlossen. Wir haben allen drei Kindern eine Chance geben und alle drei haben sie genutzt. So sollte es sein. Das erste Mal so richtig gefreut habe ich mich, als wir bei der Feindiagnostik die Geschlechter erfahren haben. Mein Gefühl hatte sich bestätigt und am meisten gefreut hab ich mich, das wirklich ein Mädchen dabei war.

Kaum war die 20. SSW überstanden, musstest du mit Wehen ins Krankenhaus.
Yvonne: Ja. Zwei Tage lang lag ich „zum Abwarten“ im Kreissaal. Mein damaliger Arzt, hat mir schließlich drei Möglichkeiten aufgezählt: 1. Das Ganze beruhigt sich wieder und alles geht normal weiter, wenn auch stationär. 2. Das unten liegende Kind wird geboren, dann wird die Geburt gestoppt und versucht die anderen beiden drin zu behalten. Das nennt sich zweizeitige Geburt. 3. Es kann nicht mehr aufgehalten werden und es kommen alle drei — ohne eine Überlebenschance.

Und es passiert tatsächlich das Unvorstellbare: Du musst eines deiner Babys zur Welt bringen.
Yvonne: Am 1. April hatte ich morgens wieder arge schmerzen und dann ist mir die Fruchtblase geplatzt. Von da an wusste ich, dass es jetzt dahin geht. Ich habe eigentlich nur noch gehofft, dass wenigstens die anderen beiden drin bleiben können. Mir wurde gesagt, dass einer der beiden Jungs zur Welt kommen würde. Meinem Mann konnte ich das nicht zumuten, meine Mama hat mir beigestanden. Bei der Geburt selber war ich ziemlich ruhig, hatte keine Schmerzen und das Baby war nach zweimal pressen da. Der nächste Schock kam, als die Hebamme sagte: „Sie war schon so groß und hatte schon richtig Gewicht.“ Ich: „Wer ist denn Sie?“ Antwort; „Ja, sie haben doch gerade ihre Tochter geboren.“ Das war der Moment, in dem ich mich nicht mehr halten konnte. Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Das Einzige, was mich trösten konnte, war, als mir der Arzt sagtet, dass die anderen beiden drin bleiben können. Danach hat er mir mein Baby auf den Bauch gelegt und mir gesagt, ich soll sie anschauen, sie sei wunderschön. Und das war sie auch.

Du hast ganz offen zugegeben, dass es ein Schock war, gerade das Mädchen zu verlieren. Ich finde es ganz groß, dass du dazu stehst. Wie siehst du das mit dem Abstand der vergangenen Wochen?
Yvonne: Mir hat man immer gesagt, ich sei die typische Jungs-Mama. Doch als ich wieder versucht habe schwanger zu werden, habe ich mir ein Mädchen gewünscht — für das ich hübsche Kleider nähen kann, Zöpfe flechten und all solche Sachen. So hart es auch klingt, ich bin ehrlich: Wenn es ein Junge gewesen wäre, wäre ich natürlich auch traurig gewesen. Aber hätte ich eine Wahl gehabt,  ich hätte mich für das Mädchen entschieden. Es hat nicht sein sollen. Vielleicht bin ich eben doch eine Jungs-Mama.

Hast du dir bewusst Zeit genommen, um um deine kleine Maus zu trauern?
Yvonne: Wir haben Stella im Kreissaal noch taufen lassen und mein Mann kam dann auch noch. Für ihn war die Tatsache, dass es Stella war, noch schlimmer als für mich. Ich habe meinen Mann noch nicht oft weinen sehen, und erst recht nicht so. Irgendwann haben wir uns dann von ihr verabschiedet, ich habe ihr ihr erstes und letztes „Lalelu“ vorgesungen und sie der Hebamme mitgegeben. Danach hab ich aufgehört zu weinen und kein einziges Mal wieder geweint, bis meine Jungs nach Hause durften. Ich hatte immer das Gefühl, wenn ich einmal damit anfange, kann ich nie wieder aufhören.

Deine Jungs Antonio und Leonardo kamen in SSW 25+0 auch viel zu früh auf die Welt. Warst du immer optimistisch, dass alles gut geht?
Yvonne: Ehrlich gesagt war ich froh, als sie endlich kamen. Die vier Wochen nach der Geburt unserer Tochter waren eine einzige Zerreißprobe. Ich hatte etwa alle vier Tage irgendwelche Sturzblutungen und keiner wusste, woher sie kommen. Jedes Mal dachte ich: Scheiße jetzt geht es los. Als es schließlich wirklich soweit war, hatte ich bereits acht Lungenreife-Spritzen und ich wusste, dass meine Kinder einigermaßen vorbereitet sind. Sie hatten gut zugelegt in den Wochen und ich wusste, sie packen das jetzt. Ich konnte sie noch im Kreissaal schreien hören, da wusste ich, das alles gut geht.
Die Zeit auf der Frühchenstation war für mich nicht schlimm, ich habe auch sehr schöne Erinnerungen daran. Eigentlich war ich die ganze Zeit relativ entspannt. Schwestern und Ärzte haben mich häufig angesprochen, dass sie äußerst bemerkenswert finden, wie ich mit der Situation umgehe. Aber ich hatte immer ein gutes Gefühl, wenn ich nach Hause gegangen bin. Ich war sogar so entspannt, dass ich vier Tage in Urlaub gefahren bin. Ich wurde täglich mit Fotos auf dem Laufenden gehalten.

Wie geht es den Zwillingen heute?
Yvonne: Hervorragend. Die Zwillinge haben keinerlei bleibende Schäden durch ihre Frühgeburt. Sie sind zwei ganz normale, glückliche Babys. Nach elf Wochen und vier Tagen habe ich sie mit nach Hause genommen. Als ich durch die Tür des Krankenhauses raus bin, hab ich alles nochmal rauslassen. Ich habe die komplette Fahrt nach Hause geheult und dann hab ich für mich selber damit abgeschlossen.

Wie hat dein großer Sohn die ganze Sache verkraftet?
Yvonne: Er musste fünf Wochen ohne Mama auskommen, das war natürlich sehr schwer. Besonders, weil  die Zeit davor sehr intensiv war. Am ersten Morgen, nachdem die Jungs zu Hause waren, hat er zu mir gesagt, ich solle sie doch bitte wieder zurück ins Krankenhaus bringen. Das war erstmal ein Schock für mich. Heute ist er ein sehr stolzer großer Bruder und froh, dass alles wieder in Ordnung ist. Auch den Verlust seiner Schwester hat er gut verdaut. Wir mussten anfangs oft erklären, dass sie jetzt im Himmel ist. Inzwischen erklärt er uns, dass seine Schwester auf einer Wolke sitzt und ihm beim spielen zuschaut.

Welche Rolle spielt Eure Stella in Eurem Leben? Ist sie sehr präsent in Eurem Alltag?
Yvonne: Bei dieser Frage muss ich schmunzeln, weil ich mich hier über sämtliche bürokratische Stolpersteine hinweggesetzt habe. In Deutschland ist es eigentlich nicht erlaubt eine Urne bei sich zu Hause zu haben. Meine Tochter liegt aber in unserem Garten zwischen den Obstbäumen unter einem Rosenstrauß beerdigt.  Immer, wenn ich aus dem Fenster schaue, kann ich sie sehen und sie ist sofort bei mir. Es ist ein schöner Gedanken, dass alle meine Kinder mal zusammen im Garten sein werden. Die Jungs spielen und ihre Schwester ist ganz nah bei ihnen und schaut ihnen von oben zu. Und irgendwann, wenn die Jungs groß genug sind, werd ich ihnen sagen, wo ihre Schwester ist.

Als Außenstehende habe ich den Eindruck, dass du in der ganzen Zeit sehr zuversichtlich warst. Wie schaffst du das?
Yvonne: Ich glaub, das hat viel mit einem selber zu tun. Ich habe schon früher in meinem Leben viel erlebt, was mich stark gemacht hat. Jeder findet seinen eigenen Weg, mit so einer Situation umzugehen. Für mich war immer der offene Weg die beste Lösung. Ich hab mein Schicksal mit der Welt geteilt. Und ich bin überaus Dankbar für die ganze Online Community, die mir in dieser schwierigen Zeit beigestanden hat und mir zusätzlich Kraft gegeben hat, das Ganze zu überstehen. Das Internet hat mir Leute näher gebracht, die das gleiche Schicksal erleiden mussten und wissen, wie es mir geht.
Heute kann mir nichts mehr Angst machen. Ich nehme alles so, wie es kommt, und finde mich dann mit der Situation zurecht, wenn es soweit ist. Ich wünsche mir, dass es was gibt nach dem Leben, und dass da irgendwo mein kleines Mädchen auf mich wartet und wir die Zeit, die uns jetzt genommen wurde, dort nachholen können.

Liebe Yvonne, diesem Schlusssatz kann ich (mit übermächtigem Kloß im Hals) absolut gar nichts hinzufügen. Ich danke dir sehr für deine Offenheit und deinen Mut. Deine Geschichte werde ich niemals vergessen und ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Glück der Welt.

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