Zwillingerig extreme: Das Interview VI

Viele von Euch haben mir geschrieben, dass Euch die Interviews auf meinem Blog ganz besonders  gefallen. Mir auch, ehrlich gesagt :). Und damit es so bleibt, suche ich weiter Zwillingsmütter und Zwillinge mit ganz besonderen Geschichten aus. Heute stelle ich Euch wieder eine davon vor:

Janine ist 27 Jahre jung und wünscht sich schon seit langem nichts sehnlicher als ein Kind. In drei Monate wird ihr großer Traum endlich wahr. Janine und ihr Mann bekommen Zwillinge — ihre leiblichen Kinder. Und das, obwohl Janine gar nicht schwanger ist. Wie das geht? Mit Hilfe einer Leihmutter. Im Interview berichtet Janine über ein Wechselbad der Gefühle, bürokratische Hürden und ganz viel Hoffnung.

Janine, wie lange sehnst du dich schon nach einem eigenen Kind?
Janine: Gleich nach unserer Hochzeit 2008 haben wir versucht Nachwuchs zu bekommen. Nach fünf Jahren -in denen sich nichts tat- wurden mehrere Untersuchungen gemacht und da stellte sich einiges raus: Ich habe beidseitig verschlossene Eileiter, eine Stoffwechselstörung, eine Schilddrüsenerkrankung und eine Blutgerinnungsstörung. Zusätzlich ist die Qualität der Spermien meines Mannes stark eingeschränkt. Auf natürlichem Weg schwanger zu werden, war damit quasi unmöglich.

Ihr habt dann für eine künstliche Befruchtung entschieden.

Janine: Ja, und nach dem dritten Versuch wurde ich endlich schwanger. Ich war überglücklich. Eigentlich dachte ich immer, wenn ich mal schwanger werden würde, könnte ich es gar nicht fassen. Dem war aber nicht so. Ab dem Moment, in dem ich den positiven Test in den Händen hielt, war es ganz real für mich. Aber unser Sohn ist am 16. Mai 2015 in der 11. Woche gestorben. Warum das kleine Herzchen aufgehört hat zu schlagen, werden wir nie erfahren. Unser Baby schien (laut Ärztin) völlig gesund zu sein.

Das war nach der langen Wartezeit ein harter Schlag. Wie hast du diesen Verlust verarbeitet?
Janine: Ich habe mir viel Zeit zum Trauern und Weinen genommen. Ich habe mir eine Auszeit von dieser Welt genommen und mich zurückgezogen, wenn ich es brauchte. Außerdem waren wir in einer Trauergruppe für Sterneneltern. Meine Frauenärztin sagte mir, dass ich ein enormes Fehlgeburtsrisiko habe. Ich wollte nie wieder ein Baby zu Grabe tragen müssen. Ich wollte nie wieder schwanger werden.

Aber euer Kinderwunsch war riesengroß. Welche Alternativen blieben Euch?
Janine: Wir haben über eine Pflegschaft nachgedacht und sogar an einem fünfwöchigen Pflegeelternseminar teilgenommen. Diese Idee haben wir jedoch aus mehreren Gründen später verworfen. Schon vor ein paar Jahren habe mal in einem Kinderwunschforum über die Möglichkeit gelesen, mit Hilfe einer Leihmutter Eltern zu werden. Eigentlich wusste ich sofort: Das soll mal mein Weg werden, wenn es mit dem Kinderkriegen nicht klappen sollte. Meinen Mann habe ich schon vor meiner Schwangerschaft gefragt, ob er diesen Weg später mit mir gehen würde. Er hat sofort eingewilligt. Nach der Fehlgeburt fragte er mich, ob ich es nicht noch einmal selbst versuchen wollte. Als ich das verneinte, war es beschlossen. Zum Glück waren wir uns da einig.

Leihmutterschaft ist in Deutschland nicht nur ungewöhnlich, sondern sogar verboten. Ihr habt euch trotzdem dafür entschieden. Wie ist die rechtliche Lage?
Janine: Nach deutschem Recht ist Leihmutterschaft verboten. Es wird jedoch nicht bestraft. Früher konnte es einem passieren, dass man bei Bekanntwerden einer Leihmutterschaft sehr lange auf die Papiere der Kinder warten musste. Der EUGH hat 2014 entschieden, dass das Kindeswohl über deutschem Recht steht und die Botschaften der Länder zur Ausstellung von Papieren verfplichtet sind. Wenn die Kinder in Deutschland angemeldet werden, hat mein Mann zunächst das alleinige Sorgerecht. Sofern die Behörden die Geburtsurkunde aus der Ukraine nicht akzeptieren, muss ich die Kinder adoptieren. In der Ukraine gelte ich, als die Wunschmutter, als eigentliche Mutter und werde daher in die Geburtsurkunde eingetragen — mit dem Hinweis, dass die Kinder von einer Leihmutter ausgetragen wurden.

Und wie geht man die Suche nach einer Leihmutter an?
Janine: Wir haben erstmal nach passenden Ländern gesucht. In der Ukraine sind wir auf eine Klinik aufmerksam geworden, die mit einem sogenannten „All inclusive Paket“ wirbt. Meinem Mann war wichtig, das wir für alle Dienstleistungen einen zentralen Ansprechpartner haben. Wir sind hingeflogen und haben uns vor Ort von der Seriösität dieser Klinik überzeugt. Während des gesamten Leihmutterschaftsprogramms steht uns eine deutschsprachige Koordinatorin zur Verfügung, die uns durch alle Prozesse des Programms bis zum Tag der Ausreise mit den Kindern begleitet. Die Leihmutter selbst wird von der Klinik ausgesucht. Man kann sie auch erst in der Schwangerschaft kennenlernen.
Die verschiedenen Verträge in der Ukraine sind alle auf deutsch und um die ganzen Papiere der Leihmutter kümmert sich die Klinik. Wir haben eine genaue Liste bekommen, welche Dokumente wir uns in Deutschland ausstellen lassen müssen. Aber das ist alles viel harmloser als man annimmt.

Wie hat Euer Umfeld auf Eure Entscheidung regiert?
Janine: Wir gehen mit dem Thema ganz offen um und haben es von Anfang an erzählt. Viele finden diesen Weg spannend und wollen alles ganz genau wissen. Negative Erfahrungen haben wir damit bisher keine gemacht. Unsere Freunde und Familie wussten von unserem starken Kinderwunsch, den künstlichen Befruchtungen und der Fehlgeburt. Der Übergang zur Leihmutterschaft wurde genauso selbstverständlich thematisiert.

Wie haben es schon verraten: Die Leihmutter ist tatsächlich schwanger und ihr bekommt Zwillinge!
Janine: Ja. Zwei Wochen nach dem Embryotransfer wurde ein Schwangerschaftstest gemacht und wir wurden gleich am selben Tag informiert. Wir waren sehr glücklich, das hatten wir uns so sehr gewünscht! Die Leihmutter ist aktuell in der 27. Schwangerschaftswoche. Am 24. Mai ist errechneter Geburtstermin. Und wir bekommen ein Pärchen <3. Die Entstehung der Zwillinge hat wieder Sonne in mein Leben und mein Herz gebracht.

Und ihr könnt Euch darauf freuen, gleich zwei leibliche Kinder zu bekommen.
Janine:  Ja, genau. Die Zwillinge sind unsere eigenen Kinder. Es waren meine Eizellen und der Samen meines Mannes. Samenspende geht bei Leihmutterschaft gar nicht, weil der Mann nach der Geburt einen Vaterschaftstest machen muss, um seine genetische Abstammung nachzuweisen. Anders bekommt man keine deutschen Pässe.

Wir oft müsst ihr während der ganzen Zeit vor Ort in der Ukraine sein?
Janine: In der Regel muss man drei mal dort hin. Das erste Mal um die Verträge zu unterzeichnen. Das zweite Mal für die Eizellentnahme und die Samenabgabe und dann das dritte Mal wieder zur Geburt. Aber man kann, wenn man möchte, auch mal zum Ultraschall hinfliegen. Mein Mann war im Dezember dort. Ich leider nicht, weil ich arbeiten musste.

Wie fühlt es sich an, die Schwangerschaft nicht live mitzubekommen?
Janine: Zuerst war das ganz schlimm für mich. Aber dann dachte ich mir: Meine Babys können in einem gesunden Körper heranwachsen, das ist das Wichtigste. Einmal im Monat ist Ultraschall. Da bekommen wir das übersetzte Arztprotokoll sowie Ultraschallbilder und ein Video. Und seit mein Mann die Leihmutter bei dem Ultraschall persönlich getroffen und mit ihr (mit Hilfe der Dolmetscherin) gesprochen hat, ist meine Sorge auf ein Minimum geschrumpft.

Wie würdest du deine Gefühle beschreiben, wenn du an die Leihmutter denkst?
Janine: Durchweg positiv. Ich bin ihr sehr dankbar für ihre Hilfe. Ich werde ihr auch noch einen ganz persönlichen Brief schreiben, übersetzen lassen und ihr diesen nach der Geburt überreichen. Sie soll wissen, wie dankbar wir ihr sind und dass ihre Hilfe für uns keine Selbstverständlichkeit ist.

Stellst du dir schon manchmal vor, wie es sein wird, eure Babies in den Armen zu halten?
Janine: Oh ja, darüber denke ich oft nach. Ich denke, es wird ein überwältigender Moment. Vielleicht wird es auch total surreal sein und ich kann es erst einmal gar nicht fassen.

Werdet ihr auch in Zukunft ganz offen mit der Leihmutterschaft umgehen?  
Janine: Ich werde zumindest nicht lügen. Freunde und Familie kennen sowieso die ganze Geschichte. Und unseren Kindern werden wir es von Anfang an erzählen. Wenn die ersten Fragen kommen, ob sie mal in meinem Bauch waren, werde ich ihnen erklären, dass mein Bauch „kaputt“ ist und wir deswegen Hilfe von einer ganz lieben Frau hatten. Aber ansonsten werde ich nicht jedem gleich auf die Nase binden, dass ich sie nicht selbst zur Welt gebracht habe. Ich möchte nach diesem Weg nur noch eines: eine ganz normale Mama in einer ganz normalen Familie sein.

Was würdest Du Eltern raten, die auch über diesen Weg nachdenken?

Janine: Ich bin ständing voller Sorge und gleichzeitig voller Zuversicht. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass man die Kontrolle komplett aus der Hand geben und sich auf andere Menschen verlassen muss. Das war für mich persönlich sehr schwer. Aber man sollte auch nie vergessen, dass das eine erfahrene Klinik ist und die genau wissen was sie tun. Ansonsten: Am besten einfach gar nicht zu sehr über alle Einzelheiten nachdenken, das ist am Ende gar nicht so wild, wie man es sich zu Beginn vorgestellt hat. Und man weiß, spätestens neun Monate später hält man die größte Belohnung des Lebens im Arm! Geht euren Weg, auch wenn andere ihn doof finden. Lasst euch niemals von anderen von eurem Weg abbringen!

Janine, ich danke dir für dieses intensive Interview! Ich danke Dir, dass du so offen über ein Thema sprichst, dass meistens ein großes Tabu ist. Ich danke dir, dass du mir geholfen hast, das alles besser zu verstehen. Und ich danke dir, dass du mit deiner Zuversicht so vielen Frauen Mut machst. Du bist eine bemerkenswerte Frau. Ich wünsche Euch alles erdenklich Gute und werde Euren Weg ganz sicher weiter verfolgen! 

 

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3 Gedanken zu „Zwillingerig extreme: Das Interview VI

  1. Danke für das Interview! Es ist toll, dass wir ungewöhnliche Wege gehen können, dass wir die Möglichkeit haben, auch wenn es leider noch ein Tabu-Thema ist! Liebe Janine, für die Geburt Eurer Zwillis wünsche ich Euch von Herze alles erdenklich Liebe ❤️

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